Zweiundsiebzigster Einwurf des Ziegelbrenners

Der antiautoritäre-Einwurf

Liebe lesende Gemeinde,

diesmal vor allem Hinweise in eigener Sache. Gleich zwei Rezensionen äußern sich sehr positiv über das von Ulrich Bröckling herausgegebene, von mir nun in einer aktualisierten Neuausgabe publizierte „Nieder mit der Disziplin! Hoch die Rebellion! Anarchistische Soldaten-Agitation im Deutschen Kaiserreich“. Helmut Dieterich betont auf „Sozial.Geschichte online“ den Wert der historischen Texte vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Bellizismus (Sozial.Geschichte 39, S. 167–170). Jakob Hayner hob besonders die Einleitung von Ulrich Bröckling zum Buch hervor, der auf den antiautoritären „radikalen Geist des Ungehorsams und der Verweigerung, der aus den alten Flugschriften spricht“ hinweist, von dem wir uns heute mehr als nur eine Scheibe abzuschreiben hätten. Hayner seinerseits verweist am Ende seiner Rezension auf mein Verlagsprojekt Anares hin, „dessen Verleger Gerald Grüneklee kürzlich im Mandelbaum-Verlag eine eigene Schrift gegen den neuen Militarismus vorgelegt (»Nur Lumpen werden überleben«) und mit »Virus essen Seele auf« zudem einen Beitrag zur Corona-Aufarbeitung veröffentlicht hat. Kleine Lektionen auf dem Weg, das Nein-Sagen zu lernen“.

Peter Brandt geht in einer Rezension auf den von mir herausgegebenen Text „Krieg dem Kriege – Die Aufgabe der organisierten Arbeiter in der Bewegung für den Weltfrieden“ des Gewerkschaftlers Edo Fimmen ein: „Fimmen stand für eine radikale sozialistische Position, der zufolge die Dreiheit von Kapitalismus (als gesellschaftliche Grundstruktur), Militarismus und Nationalismus von der internationalen Arbeiterbewegung zu überwinden sei“. War die alte Arbeiterbewegung doch keineswegs frei von autoritärem Denken, so wurden in den radikaleren Teilen in dem Beharren auf Emanzipation und Befreiung antiautoritäre Impulse gegen die Politik von Gott, Kaiser – bzw. Führer – und Vaterland, von Kapital, Staat und Nation sichtbar, von denen in heutigen Gewerkschaften herzlich wenig vorhanden ist.

Es ist so eine Sache mit der Freiheit – alle reden davon, Unterschiedlichstes wird darunter verstanden. Vielfach wird so z.B. der Staatsbevölkerung eingetrichtert, es würde doch „ihre eigene Freiheit“ verteidigt. Das Versprechen von Freiheit wird so ins Gegenteil verkehrt, wird zum Beginn von Unfreiheit: unter dem Banner der Freiheit erfolgt die Einhegung der Menschen in das Staatsinteresse. Staatlichkeit erschlägt damit die Freiheit und Autonomie (deren Voraussetzung nicht zuletzt die Befreiung von staatlicher Entmündigung ist) auf individueller wie gesellschaftlicher Ebene. Mein Artikel dazu wurde von der Zeitschrift „Graswurzelrevolution“ nicht abgedruckt, immerhin ist er online verfügbar.

In Kriegszeiten wird die Freiheit dem Autoritarismus geopfert. Ich möchte daher nochmals auf die von mir herausgegebene erweiterte Neuauflage von Isaak Steinbergs wichtigem Buch „Gewalt und Terror in der russischen Revolution“ aufmerksam machen. „Wenn der Verlag das Buch auf der Rückseite »als Neuauflage eines Schlüsselwerks zum Verständnis der sowjetisch-russischen Geschichte von der russischen Revolution bis in die Gegenwart« bewirbt, ist man als Leser*in angesichts solcher Superlative erst einmal zurückhaltend. Aber die Bezeichnung Steinbergs als »Vorläufer späterer bedeutender politikwissenschaftlicher Werke etwa von Hannah Arendt« ist tatsächlich nicht zu hoch gegriffen. Steinberg gehörte zur Gruppe derjenigen, die vor den autoritären Tendenzen im Sozialismus sehr früh warnten, ohne deswegen den Kapitalismus zu verteidigen“, würdigte Peter Nowak diese Neuausgabe.

Na klar doch: „Linksextreme steuern ´Schulstreiks gegen Wehrpflicht´“, so die Medien (z.B. die „Tagesschau“ am 17.4.). Dass es nicht nur Unbehagen, sondern auch gute Gründe gegen diese Wehrpflicht geben könnte und also unterschiedlichste junge Menschen gegen die Wehrpflicht sind, kann sich die Presse wohl kaum vorstellen. Stattdessen also die Diktion aus Zeiten des „Kalten Krieges“ („linksextreme Steuerung“). Wenige Tage nach dieser Meldung sickerte dann auch die Info durch, dass es künftig Bußgelder in Höhe von 250 Euro bei Nicht-Beantwortung der Wehrdienst-Abfrage geben soll. Was allerdings auch eine Gelegenheit, ja eigentlich geradezu Einladung wäre, diese Nicht-Beantwortung als Akt des zivilen Ungehorsams im Rahmen einer politischen Kampagne zu organisieren. Welchen Wert hat auch ein Schulabschluss, wenn der Mensch doch letztlich nur als Kanonenfutter zählt – und endet? In dieser Logik ist es nur konsequent, wenn immer häufiger und massiver Forderungen aus den Kreisen der Kriegstüchtigkeits-Parteien geäußert werden, Schüler*innen auf mögliche Kriege vorzubereiten – Kriegslogik, Bedrohungsszenarien und gezielte Angstmache statt Aufklärung, humanitärer Bildung und Friedenspädagogik. „Zu viel Panzer, zu wenig Hirn“, hiess es so treffend auf Aufklebern in den 1980er Jahren…

Dass die Elemente „schwarzer Pädagogik“, die seit der Corona-Pandemie nicht nur an Schulen wirksam sind, autoritäre bzw. autoritätsfixierte Persönlichkeiten hervorbringen ist wenig erstaunlich – der Erfolg rechter Parteien gerade bei jüngeren Wähler*innen, den sich die „demokratischen Parteien“ denn so gar nicht erklären können, ist eine sichtbare Folge. Inzwischen gibt es übrigens auch die „Eltern gegen Wehrpflicht“ (also womöglich noch mehr „Linksextreme“!?). In meiner Rubrik „Erziehung & Pädagogik“ findet sich reichlich Literatur zu emanzipatorischer Bildung, anarchistischer Pädagogik, Alternativschulen, reformpädagogischen Ansätzen, einem humanistischen Bildungsbegriff, der nicht nur auf verwertbare „Kompetenzen“ abzielt etc. Das (momentan leider nur online lesbare) Magazin espero“ hat sich in einer lesenswerten Ausgabe übrigens dem Themenschwerpunkt „Anarchismus und Bildung“ gewidmet.

In Kriegszeiten läuft die allgemeine Mobilmachung nicht zuletzt auf psychologischer Ebene, wer sich widersetzt wird als Feind markiert. Vor diesem Hintergrund müssen auch die verbalen Provokationen gesehen werden, die Friedrich Merz („Mit Work-Life-Balance lässt sich der Wohlstand nicht sichern“ und SPD-Chef Klingbeil („Die Menschen in Deutschland müssen mehr arbeiten“) von sich absondern. Das Humankapital Mensch soll schuften, um die Ressourcen für kommende Kriege bereitzustellen. Der Ziegelbrenner weiß Rat gegen diese bescheuerte Einstimmung auf die harten Zeiten, die da mit dem deutschen Kriegskurs unweigerlich kommen werden (wenigstens so lange es gegen diesen Kurs keinen massiven Widerstand gibt). Denn es gibt beim Ziegelbrenner die feine Schrift „Das Recht auf Faulheit“ von Paul Lafargue, der diese Arbeitsideologie, die immer wieder ausgerufen wird, wenn die Menschen auf Entbehrungen getrimmt werden sollen, fundamental verwirft, indem er das „Recht auf Arbeit“ kurzerhand als „Recht auf Sklaverei“ bezeichnet. Gegen den Fundamentalismus der unbedingten Kriegstüchtigkeit hilft eben nur eine fundamentale Ideologiekritik: Kampf gegen die Arbeit statt arbeiten für den Krieg!

Im letzten „Einwurf“ berichtete ich über den Kulturkampfminister Weimer und seine Aktivitäten. Weimer hat dabei ordentlichen Gegenwind erfahren. „Wir lassen uns nicht unter Vorspiegelung falscher Andeutungen auseinanderdividieren“, äußerte etwa der des „Linksextremismus“ unverdächtige Hanser Verlag. Auch die Bremer SPD positionierte sich dabei gegen Weimer. Nun sollte jedoch ein Bremer Kulturzentrum eine „Extremismusklausel“ unterzeichnen, um künftig noch Fördergelder zu bekommen (auch die Rückzahlung schon erhaltener Fördergelder wurde angedroht). Begründung war eine Veranstaltung der „Roten Hilfe“. Das dürfte ganz im Sinne der AfD sein (die bei der letzten Bremer Wahl ja ausgeschlossen wurde, da sie zu dämlich war, die einfachsten Spielregeln für eine ordnungsgemäße Wahlliste der Partei einzuhalten). Inzwischen ruderte die Bremer SPD-Kulturstaatssekretärin zurück und behauptete, die – für Bremen übrigens einzigartige – Klausel sei doch auch lediglich ein „Hinweis“ gewesen (taz, 18.5.) …

Die Liste der Probleme mit der sogenannten „Bezahlkarte“ für Geflüchtete ist lang, und sie ist auch nicht neu, wie „Pro Asyl“ schon 2024 in einer zusammenfassenden Kritik analysierte. Dennoch hat sich auch Bremen zur Durchsetzung dieser diskriminierenden Maßnahme entschlossen – nicht ohne Grund wird die Karte von Initiativen auch Schikanekarte genannt. In vielen Städten wird zu Umtauschaktionen aufgerufen, so auch in Bremen. Der damalige SPD-Innensenator Mäurer sprach von einer „schieren Provokation“ – nein, nicht der Bezahlkarte, sondern von der Umtauschaktion wohlgemerkt. Sinn macht die Karte jedenfalls nicht, sie kostet sogar eine Menge Geld. Übrig bleibt eben nur: die Karte soll Menschen entwürdigen – als ob das allein nicht reicht, wird mit solchen Maßnahmen die AfD ideologisch noch gestärkt.

Ungarn hat einen neuen Präsidenten. Wenig bekannt ist heute, dass es vor über 100 Jahren über mehrere Monate hinweg eine sozialistische Räterepublik gab (deren angeblicher „Roter Terror“ dann vom folgenden präfaschistischen und antisemitischen Horthy-Regime instrumentalisiert wurde). Das Buch von Gerhard Senft bietet einen guten Einblick in diese Ereignisse.

Am 11.7. findet eine Gedenkdemonstration für den vor 92 Jahren im Konzentrationslager Oranienburg ermordeten Anarchisten Erich Mühsam statt. „Der Schriftsteller Erich Mühsam ließ sich nicht brechen. Sein Kampf gegen Militarismus, Unterdrückung und für eine gerechte Gesellschaft machte ihn zu einem der ersten Opfer des NS-Regimes“, so die Stadt Oranienburg, die offiziell auch zu diesem Gedenken aufruft. Der erste Bericht zu diesem Konzentrationslager erschien in Mühsams Todesjahr, er ist als Reprint beim Ziegelbrenner erhältlich.

Der Ziegelbrenner freut sich, nun eine Depotbuchhandlung der Edition AV zu sein, deren Angebot ich in nun in einer eigenen Rubrik vorstelle. Ich bitte um Beachtung des bemerkenswerten, engagierten AV-Sortiments. Wolfgang Haug würdigt – um nur ein Beispiel aus der Buchproduktion zu nennen – das antiautoritäre Denken von Otto Rühle mit einer kenntnisreich eingeleiteten Textauswahl.

Allein in den letzten 5 Jahren haben etwa 25% aller unabhängigen Buchhandlungen in Deutschland geschlossen oder sie wurden von Konzernen übernommen. Hingegen hat beispielsweise Amazon seinen Umsatz 2025 gegenüber 2024 um gut 12% steigern können (Gesamtumsatz, nicht nur Bücher). Da dort – wie bei den großen Buchhandelsketten – in erster Linie auf ein massenkompatibles Angebot und auf die Stapelware der Bestseller-Listen gesetzt wird, verschwindet mit dem Sterben unabhängiger Buchläden zugleich ein vielfältiges Kulturangebot. Vielfach verödende Innenstädte machen die Situation für konzernunabhängige Buchhandlungen nicht leichter. Die von der Bremer Albatros Buchhandlung gestartete Initiative buchnah.de nimmt diese Entwicklung zum Anlass, die bedrohte Buchhandelslandschaft zu stärken.

Ja, noch gibt es sie, die guten Buchläden. Einige Beispiele:

Da ist nicht zuletzt die Albatros Buchhandlung selbst (Bremen, Fedelhören 91), die schon seit 1982 ausgewählte Kinder- und Jugendbücher sowie eine ebenfalls überzeugende Auswahl an Sachbüchern vor allem aus den Bereichen Politik, Geschichte, Musik, Gesellschaft und Philosophie bereithält. Auch die Programme kleinerer, unabhängiger Verlage werden hier beachtet und gewürdigt – ich habe dort selbst schon so manche Entdeckung machen können.

In Mainz besteht sogar schon seit 1979 die Buchhandlung Cardabela (Frauenlobstr. 40). „Mit einem alternativen Programm unterstützen wir die Diskussion über gesellschaftspolitische Themen. Dazu räumen wir kleinen, unabhängigen Verlagen einen gebührenden Platz in unserem Sortiment ein“, so der Laden selbst – letzteres ist besonders zu würdigen, arbeiten viele dieser Verlage doch unter ähnlich prekären Bedingungen wie so mancher Buchladen. Gut sortiert ist die Buchhandlung auch in feministischer Literatur, ebenso gibt es dort ein feines Kinderbuch-Sortiment.

Die Kupido Buchhandlung in Köln (Pantaleonsmühlengasse 38-40) ging aus einem Verlag hervor. Sie fährt ein ganz besonderes Konzept, denn sie führt als Depotbuchhandlung ausschließlich das Sortiment von rund 80 kleinen, engagierten Verlagen, das unter Umgehung von Grossisten auch direkt eingekauft wird „Die Kupido Depot Buchhandlung offeriert die Vielfalt unabhängiger Verlage. Diese sind direkte Partner des Depots. Der Unterschied machts: für das Depot bestellen wir bei den Verlagen selbst oder deren Auslieferungen, mit finanziell positiven Auswirkungen für beide Projektpartner“, so der Laden.

Ein besonderer Ort ist die Lyrikhandlung am Hölderlinturm in Tübingen (Bursagasse 15), die, obwohl erst 2021 gegründet, bereits dreimal mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet wurde. Es gehört schon Mut dazu, ausgerechnet mit der „schwer verkäuflichen“ Lyrik eine ganze Buchhandlung zu füllen (vorher war dort ein Modegeschäft, aber von denen gibt’s ja nun wahrlich mehr als genug…).  Die Inhaberin möchte ihren Laden als „weltoffenen, einladenden analogen Ort“ gestalten – in der Tat lädt diese wunderbare Buchhandlung zum Verweilen ein.

Und was ist eure Lieblingsbuchhandlung?

Auch für den Ziegelbrenner gilt: selten war ein vielfältiges, emanzipatorisches, weltoffenes und analoges Mediensortiment so wichtig wie gerade heute. Werde auch Du Teil des Ziegelbrenner-Netzwerks, damit wir gemeinsam auch in Zukunft kraftvoll zubeißen können – am einfachsten mit einer einmaligen oder regelmäßigen Spende, die ganz einfach auch via PayPal https://www.paypal.com/donate?hosted_button_id=PNDXKQLD6DEGG geleistet werden kann. Wem PayPal nicht behagt (bislang gibt es leider noch keine wirklich überzeugende Alternative) kann natürlich auch den Rechnungsbetrag bei Bestellungen freiwillig erhöhen…

Es grüßt

Der Ziegelbrenner

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