de Grazia Victoria

Der perfekte Faschist – Eine Geschichte von Liebe, Macht und Gewalt

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Beschreibung

ungelesen/ Neubuch. Die Autorin, eine us-amerikanische Historikerin, ist eine ausgewiesene Kennerin des italienischen Faschismus. Sie veröffentlichte seit den 1980er Jahren zu diesem Thema bereits mehrere Bücher, doch ist der vorliegende Band die erste von ihr ins Deutsche übersetzte Band dazu. „Der perfekte Faschist“ wählt eine andere Vorgehensweise als die vorherigen Bücher, die sich meist mit der faschistischen Organisierung der Massen auseinandersetzten. „Der perfekte Faschist“ verwebt hingegen eine Einzelbiographie mit dem Aufstieg und Niedergang des italienischen Faschismus. De Grazia hat sich dazu einer Lebensgeschichte angenommen, die wie vielleicht keine zweite die Widersprüchlichkeit des Faschismus sowohl als Ideologie wie auch auf persönlicher Ebene wiederspiegelt. Denn Attilio Teruzzi ist zunächst der „ganz normale Mann“, der seine Aufstiegschancen in einer Militärkarriere sucht, in eben diesem Militär nach dem Ende des Ersten Weltkrieges jedoch nicht mehr gebraucht wird. Wie viele Ex-Militärs wird er aus einem Apparat, der keine Verwendung mehr hat, hinausgeworfen, ohne ihm eine Perspektive zu bieten. Militär, das war für Teruzzi eine Heimat, und es ist beinahe rührend zu lesen, wie er trotzig immer noch den Militär gibt in Mailand, dabei jedoch bestenfalls mitliedige Blicke, wenn nicht Prügel bezieht. Der Faschismus wird ihm – einem Menschen aus der Arbeiterklasse, einem Radaubruder und Wüstling ohne eigene politische Vorstellungskraft – ab 1920 die neue Heimat. Teruzzi schafft es, nach Positionen als Architekt des „Marsches auf Rom“, Abgeordneter, Unterstaatssekretär im Innenministerium und Gouverneur der – nach dem zweiten italienisch-lybischen Krieg unter italienischer Hoheit stehenden – Provinz Kyrenaica sowie Generalleutnant schließlich bis zum vierten Mann in der faschistischen Hierarchie unter Benito Mussolini, als Minister für das italienische Afrika. Dabei wird diese Karriere jedoch zunehmend bedroht von den Beziehungen, die Teruzzi eingeht, und wir lernen exemplarisch, dass es wohl auch im Totalitarismus Handlungsspielräume für Entscheidungen gibt, das Private jedoch stets zugleich politisch ist. Zunächst wurde seine Ehe mit der Opernsängerin Lilliane Weinman von Mussolini höchstselbst für gut befunden (und mit einer pompös-offiziösen „faschistischen Hochzeit“ gefeiert), obgleich diese Jüdin war. Denn der italienische Faschismus war nicht von Beginn an antisemitisch (Mussolini äußerte sich zur Zeit der „Nürnberger Gesetze“ noch öffentlich gegen den „nordischen Rassismus“, was ihn nicht davon abhielt, verschiedentlich antisemitische Vorbehalte funktional zu mobilisieren), er wurde dies erst auf deutschen Druck hin in den 1940er Jahren. Zu dieser Zeit will Teruzzi längst geschieden sein von seiner Frau, allerdings nicht aus politischen Gründen (auch seine neue Partnerin Yvette Blank ist Jüdin), wofür er vor keinem Mittel zurückschreckt. Es ist direkt skurril zu lesen, wie Teruzzi mit allen Registern um eine Scheidung kämpft, die die katholische Kirche in Italien nicht zulässt (dies hat sie sich von Mussolini garantieren lassen), so dass die einzige Möglichkeit eine Annulierung ist, indem nämlich die Grundlagen der Eheschließung vor dem Kirchengericht als unrechtmäßig – beispielsweise durch Vorspiegelung falscher Tatsachen seitens der Gattin – erkannt werden. Weinman aber kämpft jahrelang erfolgreich gegen die Scheidung. Dabei hat sie den Vatikan an ihrer Seite, der die Verteidigung seiner Macht über die zweifellos vorhandenen antisemitischen Denkweisen stellt. Ohne hier näher auf die im Buch ausführlich dargestellte Beziehungs- und Scheidungsgeschichte einzugehen: festzuhalten ist, dass hier ein Sachbuch vorgelegt wird, dass die – mehr oder weniger permanent scheiternden – kolonialen Projekte Italiens und die Geschichte des Faschismus bis zu seinem Ende aufs Beste mit einer persönlichen Geschichte verwebt und gerade so umso anschaulicher macht. Wir lesen in einem Wechsel dämonischer, tragischer und absurder Episoden, wie die Protagonisten der faschistischen Elite unter Mussolini mit der wechselvollen Politik und Sittengeschichte – nicht zuletzt, nachdem der deutsche Nationalsozialismus in Italien Raum greift – Schritt zu halten versuchen. Dabei gilt es, in einem System von, sagen wir „fluider“ Moral die Zeichen zu deuten – ist es sinnvoller (bzw. lebenserhaltend!), Loyalität zu bekennen, oder in den zunehmenden Kriegswirren doch erfolgsträchtiger, schlicht davonzulaufen und unterzutauchen? Das Buch ist dabei fast wie ein Roman zu lesen, de Grazia versteht es, Geschichte sehr lebendig darzustellen. Das Buch ist eine fundierte politikwissenschaftliche Studie und zugleich Biographie, Familiendrama und Sittenpanorama. Angesichts gegenwärtiger starker rechtsradikaler und neofaschistischer Strömungen in Europa ist dieses trotz des schaurigen Inhalts wirklich faszinierende Buch umso lesenswerter.

Zusätzliche Information

Gewicht 600 g
Zustand

sehr guter Zustand, 508 S., Pappband, geb. m., OU

Autor

Erscheinungsort

Berlin

Erscheinungsjahr

2024

ISBN/ISSN-Nummer

978-3-8031-3739-5

Verlag